Wenn Migrantenkinder mitreden können

4.03.2019

Das Bieler Kindersprachhaus möchte mit seinem Frühförderprogramm schweizweit Schule machen.

Hiba Kazma füllt das Formular für ihren Sohn aus, damit er kostenlos in den Intensivsprachkurs kann, was seine Chancengerechtigkeit erhöht.
Hiba Kazma füllt das Formular für ihren Sohn aus, damit er kostenlos in den Intensivsprachkurs kann, was seine Chancengerechtigkeit erhöht.

Sami rutscht aufgeregt auf seinem Stuhl hin und her. Der dreijährige Bub aus dem Libanon schaut seiner Mutter mit grossen Augen zu, wie sie ein Formular ausfüllt. Hiba Kazma, 41, kreuzt das Feld «Keine Französischkenntnisse des Kindes» an. Die gebürtige Beiruterin sagt: «Ich bin so dankbar für dieses Integrationsangebot. Mein Sohn darf nun bis zum Eintritt in den Kindergarten im August dieses Jahres 18 Wochen lang gratis einen Intensivsprachkurs besuchen.» An zwei Tagen pro Woche wird Sami jeweils zwei Stunden lang die Unterrichtssprache erlernen. Der Kanton Bern und die Stadt Biel übernehmen die Kosten. Die Volkshochschule Region Biel-Lyss setzt das Projekt für die Stadt Biel um.

Im Kongresshaus Biel herrscht buntes Treiben. Am Einschreibetag in den Kindergarten helfen Schulleitende und interkulturelle Dolmetschende den Eltern mit Migrationshintergrund beim Erledigen der Anmeldeformalitäten. Das Einschreibeprozedere basiert auf Vertrauen. Schätzen Eltern die Sprachkenntnisse ihres Sprösslings jedoch falsch ein, greifen Lehrpersonen nach einem kurzen Gespräch mit dem Kind korrigierend ein.

Am Einschreibetag wird nicht nur das Niveau der Unterrichtssprachen festgestellt. Auch Einschränkungen des Seh-, Sprech- oder Hörvermögens werden gegebenenfalls erfasst, um im Hinblick auf den Kindergarteneintritt entsprechende Unterstützungsmassnahmen vorzubereiten – so zum Beispiel eine logopädische oder psychomotorische Therapie. Die Eltern werden ausserdem gefragt, ob ihr Kind bereits eine Spielgruppe oder eine Kita besuchte.

Nur die Hälfte der Kinder beherrscht die Unterrichtssprache
Vor einem Jahr förderte der Einschreibetag in der Stadt Biel bemerkenswerte Ergebnisse zutage: Von 550 Kindern im Vorkindergartenalter konnten 258 – oder 47 Prozent – wenig bis gar nicht Deutsch oder Französisch. Von diesen 258 Kindern besuchten 80 in der Folge einen Intensivsprachkurs, der Rest genoss frühe Sprachförderung in den Regelstrukturen (Spielgruppen, Kitas). Und: 80 Prozent der 550 Bieler Kinder besuchen vor Kindergarteneintritt eine Kindertagesstätte oder Spielgruppe.

Dass mehr als die Hälfte aller Kinder beim Kindergarteneintritt die Unterrichtssprache nur ungenügend beherrschen, hatte Tamara Iskra 2015 aufgeschreckt. Die Fachstelle Integration der Stadt Biel initiierte gemeinsam mit der städtischen Frühen Förderung und der Volkshochschule Region Biel-Lyss das Frühförderungsprojekt Kindersprachhaus Biel, das ein Jahr später eingeführt worden ist. «Natürlich kam uns entgegen, dass der Kanton Bern das Projekt im Rahmen seines Förderprogramms finanziell unterstützte», sagt Tamara Iskra, Integrationsdelegierte der Stadt Biel. Chancengleichheit bei Schuleintritt führe längerfristig zu einer Senkung der Sozialhilfequote, so die kantonale Maxime.

«Das Kindersprachhaus Biel mit seinem umfassenden Massnahmenpaket, das in zwei Landessprachen angeboten wird, ist schweizweit einzigartig und hat Potenzial, ein Vorzeigemodell zu werden», sagt Tamara Iskra. Um anzufügen: «Die frühe Sprachförderung ist ein nachhaltiges und zentrales Mittel zur Integration. Sie unterstützt die Chancengerechtigkeit, fördert damit ein friedliches, gesellschaftliches Zusammenleben und wirkt langfristig gegen die Armut.»

Vielfalt bei der Frühförderung
Die Stadt Biel engagiert sich seit 2012 intensiv mit der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung. Das Kindersprachhaus ist eine Institution, um benachteiligte und mehrfachbelastete Familien – oftmals mit Migrationshintergrund – zu unterstützen. «Wir setzen einen Akzent auf die Elternbildung/Bildungs- und Erziehungspartnerschaften, die Sozialarbeit in den Quartieren und die Weiterentwicklung der Zugänge und Qualität von Spielgruppen und Kitas», sagt Annina Feller, Fachmitarbeiterin Frühförderung der Stadt Biel. Und fügt an: «Seit 2012 haben wir ausserdem das Hausbesuchsprogramm ‹schritt:weise›, das Kinder zwischen zwei und drei Jahren altersgerecht fördert und die Eltern in ihren Kompetenzen stärkt und vernetzt.»

Strategiewechsel des Kantons Bern bereitet Sorgen
250 000 Franken kostet der Betrieb des Kindersprachhauses im Jahr. Zwei Drittel dieser Kosten übernimmt der Kanton Bern; ein Drittel die Stadt Biel und marginal die Volkshochschule Region Biel-Lyss. Die Finanzierung des Kindersprachhauses sei nur noch bis Ende 2020 gesichert, sagt Tamara Iskra. Danach droht dem erfolgreichen Integrationsprojekt, dass es sein Angebot kürzen muss. Im Rahmen eines Strategiewechsels werde die Berner Regierung das Kindersprachhaus nicht mehr unterstützen, sondern setze neu auf die Einführung von Betreuungsgutscheinen in Kitas, meint die Integrationsdelegierte der Stadt Biel.

Hiba Kazma hat das Formular fertig ausgefüllt. Ihre Augen leuchten, als sie sagt: «Wenn Sami Französisch spricht, kann er neue Kontakte knüpfen. Momentan ist er zu scheu, auf Gleichaltrige zuzugehen.»

Drei-Säulen-Prinzip
Das Kindersprachhaus Biel beinhaltet ein in drei Säulen aufgeteiltes Massnahmepaket.
1. Säule. Alltagsintegrierte Sprachförderung: Frühe Sprachförderung in den Regelstrukturen (Spielgruppen, Kitas). Kostenlose Schulungen und Intervision für Erziehende.
2. Säule. Offene Sprachförderung: Frühe Sprachförderung in der Kinderbetreuung der Volksschule Region Biel-Lyss (VHS), während die Eltern im Unterricht sind. Kostenlose Schulung für das Personal.
3. Säule. Explizite Sprachförderung: Frühe Sprachförderung in Intensivsprachkursen oder in Eltern-Kinder-Sprachkursen (Deutsch/Französisch). Diese Kurse werden in den Quartierinfo-Stellen oder spätestens an den beiden Einschreibetagen in den Kindergarten ausgeschrieben. Spezifische Schulung des Personals.

Alle Kurse finden in ausgewählten Tagesschulen in verschiedenen Quartieren der Stadt Biel statt. Das Kindersprachhaus Biel ist nur eine Wortschöpfung.

Autor: Thomas Wälti